Extrakte

Motten im Bauch

Ich sehe Dich. Und da ist es wieder. Dieses „leichter-als-Luft“-Gefühl
irgendwo bei meinem Magen. Ein Schwirren und Flattern. „Schmetterlinge im
Bauch“ werden die meisten jetzt sagen. Vor allem die, die das Gefühl
kennen. „Schmetterlinge im Bauch“, denke auch ich.
Jedesmal.
Doch es ist wie immer.
Als Du in mich eindringst, meinen Körper aufreißt, zwischen meinen
Eingeweiden wühlst und mein Herz suchst, kann ich sie sehen. Die
Schmetterlinge. Statt des blassen und doch freudigen Gelb eines
Zitronenfalters oder des kräftigen Rot eines Pfauenauges – nur braun.
Schwarze, unheimliche Augen starren mich von ihren Flügeln aus an.
Geflatter und Flügelschlagen ist es auch jetzt, doch braun und eklig
präsentiert sich mir der Schwarm der Motten.
Motten.
Nachtfalter.
Es ist wie immer.
Und es endet wie immer.
Das Opernhaus unseres Liebesliedes wird einmal mehr das sterngefüllte
Firmament der Nacht sein. Die Blüte unserer Liebe wird keine Rose sein,
vielmehr die Orchidee, die Nachtblühende. Wenn denn schon eine Rose,
dann nur eine schwarze, die einzig beim fahlen Schein des Vollmondes ihre Blütenpracht zeigen kann.
Es ist wie immer.
Und so sind die Nächte, die vergänglichen,
einmal mehr der Höhepunkt der Liebe,
wenn der Mond mit weichem Licht die
Zweifel und die Angst umspült und
unkenntlich macht. Die Tage aber, die mit
unbarmherziger Sonne alles ans Licht
zerren, das wir mühsam zu verstecken
suchen, werden zur Qual. Anfangs hält es
sich die Waage, doch irgendwann werden
die Tage länger.
Es ist wie immer.
Und es endet wie immer.
Ich verdunkele das Licht in meinem Zimmer und verlasse es. In einer Vitrine
an der Wand hat sich die Sammlung vergrößert. Eine Motte, getrocknet. Eine
Nadel habe ich durch ihren Körper gebohrt und sie neben die anderen
gesteckt.
Dein Name steht darunter.

Los

Es gehört wohl zum Los eines
jeden, der einmal eine Feder in die
Hand nahm um etwas zu schreiben,
dass er fortan Szenerien und
Gedanken bereits im kopf in
kompletten Sätzen ausformt.
Ein Los, das ich teile.

Alleine Aufwachen

Ich bin heute Morgen alleine aufgewacht.
Was seltsam ist, denn Du bist neben mir eingeschlafen. Da bin ich mir sicher.
Zumindest konnte ich Dein Gesicht sehen. Ich kann es immer sehen, wenn ich die Augen schließe. Der Mond wirft ein fahles Licht zum Fenster herein.
Und das weiße Licht fällt auf Dein Gesicht.
Du bist wunderschön, wenn Du schläfst.
So ruhig, so friedlich.
Jeden Abend liege ich noch stundenlang wach und starre Dich an. Ich kann es nicht fassen, dass Du hier neben mir liegst. Dein Atem geht gleichmäßig und ab und zu zucken Deine Augenlider, wenn Du träumst.
Ich bin heute Morgen alleine aufgewacht.
Was seltsam ist, denn Du bist neben mir eingeschlafen.
Du schläfst immer neben mir ein.
Auch, wenn Du nichts davon weißt.
Ich bin heute Morgen alleine aufgewacht.
Was seltsam ist, denn Du bist neben mir eingeschlafen.

Nie gefragt

War ich nicht immer gut zu Dir?
Habe ich Dir nicht immer zugehört?
Konntest Du nicht stets mit Deinen Problemen zu mir kommen?
Warst Du allein?
Bist Du es?
Wirst Du es sein?
Weißt Du es?
Fühlst Du Dich manchmal einsam?
Schläfst Du manchmal schlecht?
Träumst Du unruhige Träume?
Hast Du Angst vor dem, was auf Dich zukommt?
Meinst Du wirklich, Du musst Dir Sorgen machen?
Dass das alles Dein Problem ist?
War ich nicht immer gut zu Dir?
Bei Sorgen, Nöten und Problemen?
War ich nicht immer für Dich da?
Habe ich nicht versucht, Dir zu helfen?
Habe ich Dir geholfen?
Werde ich?
Kann ich überhaupt?
Habe ich mir nicht Sorgen um Dich gemacht?
Habe ich Dir nicht ein Angebot gemacht?
Hast Du es angenommen?
Oder vielleicht eher ausgenutzt?
Hast Du Dir diese Frage jemals gestellt?
Nein?
War ich nicht immer gut zu Dir?
Ja?
Warum hast Du dann nie gefragt, wie es mir geht?

Flucht

Kennst Du das Gefühl auf der Flucht zu sein? Auf der Flucht vor
Erinnerungen? Auf der Flucht vor einer Vergangenheit, die Dir nichts geben
kann außer einer unbestimmten Furcht vor der Zukunft?
Ich kenne das Gefühl kaum.
Wirklich.
Und doch…
Jeden Abend lösche ich mein Handy. Ich nehme es in die Hand, lese die
SMS die ich am Tag versendet und bekommen habe, schaue mir an, mit
wem ich telefoniert habe.
Und dann beginne ich es zu leeren.
Lösche jede SMS.
Jede Anrufliste.
Oft setze ich sogar die Mitteilungszähler zurück.
Warum, fragst Du?
Früher habe ich SMS gesammelt. Immer wenn eine nette SMS von einem
lieben Menschen kam, habe ich sie lange aufbewahrt.
Nicht mehr.
Nie wieder.
Es war nur ein Fehler.
Warum, fragst Du?
Frag nicht.

Eigentlich nichtig, irgendwie.

Jeden Morgen kommt sie an meinem Fenster vorbei. Diese Frau. Eigentlich nichtig, irgendwie. Und irgendwie auch nicht.
Sie ist wunderschön.
Sie hat langes schwarzes Haar. Einen schlanken, wundervoll geformten
Körper. Es gibt keinen Bildhauer aus einer Epoche der Menschheit, dem
derartige Vollkommenheit jemals Modell gestanden hätte. All diese Narren, die glaubten, Formvollendung und Schönheit in ihren Kreationen zum Ausdruck zu bringen straft sie Lügen. Könnten sie sie sehen, sie würden wahnsinnig werden darüber, ihr Leben bislang so vergeudet zu haben.
Manchmal trägt sie Stiefel und man kann ihre langen, schlanken Beine
sehen.
Eigentlich nichtig, irgendwie.
Ja, ihr habt Recht. Eigentlich nichtig.
Wichtig ist ihr Gesicht. Sie hat runde, weiche Züge um ihre Wangen. Ihre Augen sind dunkel und tief. Es braucht kein Teleskop um in die tiefsten Weiten des Raumes zu schauen, das weiß ich jetzt. Ihre Haut ist blass, ja fast weiß wie Porzellan. Sie wirkt zerbrechlich wie eine Puppe und so unnahbar wie Schneewittchen in ihrem gläsernen Sarg.
Manchmal lächelt sie, wenn sie an meinem Fenster vorbei geht. Sie lächelt nicht mich an, doch das ist mir egal. Ein Lächeln auf ihren Lippen macht sie noch eintausendmal schöner, als die Natur sie geschaffen hat. Mir ist es egal, für wen sie lächelt. Hauptsache, sie ist glücklich. Das wünsche ich ihr, ohne auch nur einmal einen Blick oder ein Wort mit ihr gewechselt zu haben.
Dieser fromme Wunsch ist für sie eigentlich nichtig, irgendwie.
Oder?

Rückschläge und Genickschüsse

Rückschläge bin ich gewohnt. Kein Problem. Es gibt ständig Rückschläge.
Menschen enttäuschen nun mal. Ein ungeschriebenes Gesetz oder so etwas.
Ich habe das nie ganz verstanden. Ich habe versucht, nie jemanden zu
enttäuschen. Oder ihm das Gefühl zu geben, einen Rückschlag zu erleiden.
Na ja, das hier ist kein sinnloses Gejammer.
Wie gesagt, Rückschläge sind kein Problem.
Aber dies ist eine Exekution.
Ich kann leise die Trommeln in der Ferne hören.
Du führst mich auf einen kalten, sandigen Hof. Es hat geregnet, gestern und auch heute Morgen noch. Schlammpfützen, stumme Zeugen des Wetters, säumen meinen Weg.
An einer verwitterten Steinmauer machen wir halt.
Du verbindest mir die Augen und steckst mir eine Zigarette in den Mund. Du weißt eben, was Du einem Todeskandidaten schuldig bist. Nur das übliche Prozedere.
Du zwingst mich in die Knie.
Dann spüre ich den Lauf eines Gewehres in meinem Nacken.
Ein leises Klicken. Entsichert.
Ich kann spüren wie Dein Finger am Abzug zittert.
„Ich mache Schluss. Es ist vorbei.“
Genickschuss.
„Dry your eyes, mate. I know you want to make her see how much this pain
hurts…”

Und der Himmel hängt voller Geigen

Das Karussell dreht sich immer schneller. Ich sitze allein.
Stimmen, Gesten, Mimen. Mit einem Mal steht die Welt still. Ich sehe
Dich. Alles ist Unwichtig. Und der Himmel hängt voller Geigen…

Und die Rosendornen tragen Trauer

Ein dünnes Rinnsal Blut fließt Deinen faltigen Hals herab. Es stammt von mir, mach Dir keine Sorgen. Ich habe mich nur an einer Rose gestochen, die ich neben Dein Bett gestellt habe.
Du wirst Dir wahrscheinlich ohnehin nie wieder Sorgen machen…
Du bist tot.
Ein erfülltes, langes Leben ist eben zu Ende gegangen. Du liegst in Deinem Bett, so ruhig und so friedlich als würdest Du schlafen. Dein Gesicht ist zum Fenster hin gedreht, Dein Blick ruhte wohl zuletzt auf dem Garten, den Du so sehr liebtest…
Ich liebte Dich.
All die Jahre war ich stumm an Deiner Seite. Ich habe Dir nie gesagt, was ich für Dich empfinde, und es war wohl besser so. Wie oft habe ich Dich im Garten gesehen, während Du mit den Rosen sprachst. Sie waren immer Deine besonderen Lieblinge. „Rosen enttäuschen Dich nicht“ hast Du einmal zu mir gesagt.
Ich hätte Dich auch nie enttäuscht.
Doch Du hättest es wahrscheinlich nicht verstanden. Hättest mich fortgejagt. Fortan hätte ich in einsamen Nächten den Mond anheulen müssen wie ein wildes Tier. Oft habe ich daran gedacht. Also habe ich nie zu Dir gesprochen, es einfach genossen, in Deiner Nähe zu sein.
Ich beende meine Totenwache, trete hinaus in den Garten. Auch der Garten ist stummer als sonst. Die Rosendornen tragen Trauer. Eine Motte fliegt zwischen zwei Rosen umher.
Ich bin alt.
Ich bin allein.
Mehr als zuvor.

Begehren

Vorab ist es mir wichtig, eines klarzustellen: Der Mensch ist eine sehr
seltsame Spezies. Nachdem dies gesagt ist, wird der nachfolgende Text
vielleicht etwas einfacher zu verstehen sein.
Was begehrt ein Mensch?
Begehrt er die Dinge, die für ihn erreichbar sind? Dinge, die er sich leisten kann? Dinge, die ihm vom Schicksal vorgesehen sind?
Nein.
Ein Mensch begehrt stets das für ihn Unerreichbare…
Ein Stadtmensch wünscht sich vielleicht nichts sehnlicher als den nächtlichen Blick auf einen abgeschiedenen Weiher, auf dessen Oberfläche sich der Mond spiegelt. Oder er sehnt sich nach dem leisen Wispern des Windes, wenn er über eine Wiese streift…
Der Mensch vom Lande jedoch, der all diese so unerreichbar fernen Schätze stets um sich hat, dem mangelt es an Abwechslung, Schnelllebigkeit, „Action“, wie man heute so sagt. Er wird sich wünschen, wessen der Stadtmensch so überdrüssig ist…
Dies ist jedoch nur ein Beispiel. Wie eingangs erwähnt; der Mensch ist eine sehr seltsame Spezies.
Was begehren wir?
Das Mädchen eines Nächsten? Stets nah und doch fern?
Ruhe und Abgeschiedenheit? Immer dann, wenn die Welt ihren Tribut
fordert?
Aufmerksamkeit?
Diesen unverschämt teuren Gegenstand, bis zu dessen Erstehung man von Wasser und Brot leben müsste?
Was begehrst Du?

Auf Sonnenschein folgt stets der Regen

Die Wettervorhersage? Nur die Perversion eines alten
Sprichwortes, sagst Du? Oder ist es vielleicht doch mehr?
Magst Du darüber nachdenken?
Ich nicht.

Der Träumer

Ich bin ein sehr schlechter Träumer. Das liegt daran, dass mir die Übung
fehlt. Normalerweise träume ich nicht. Mein Schlaf ist tief und fest, in etwa wie der eines Steines.
Die Metapher ist im Übrigen gar nicht schlecht gewählt, denn Steine träumen sehr wohl, auch wenn die Menschen ihnen das zumeist nicht zutrauen. Ein Stein träumt während eines Äons den Traum von seiner Geburt, geschmiedet in der hitzigen Esse der Erde.
Ich träume, wie wir also festgestellt haben, in etwa genauso enthusiastisch wie ein Stein. Wobei ich diese Aussage wahrscheinlich präzisieren muss, um die wissenschaftliche Genauigkeit einzuhalten. Sicherlich weiß ich, dass jeder Mensch im Laufe einer Nacht seine Erlebnisse zu verarbeiten pflegt und dabei fast zwangsläufig träumt. Das werde ich mit Sicherheit auch tun.
Was ich mit der Aussage, ich würde nicht träumen, also zum Ausdruck bringen möchte, ist die simple Tatsache, das ich mich meiner Träume normalerweise nicht entsinnen kann.
Nachdem wir diesen komplizierten Sachverhalt geklärt hätten, kann ich nun endlich fortfahren.
Vor kurzem machte ich eine Ausnahme von meiner Angewohnheit, meine
Träume während des Aufwachens der Vergessenheit anheim zu geben. Ich träumte von einem Mädchen, das ich nicht kenne. Sie hat helles, blondes Haar, trägt es zu einem einfachen Pferdeschwanz gebunden. Sie trägt eine schwarze Brille und hat klare Augen. Gekleidet ist sie mit einem weißen, schulterfreien Top, das im Nacken zusammengebunden wird. Ich lernte sie auf einer beliebigen Party kennen. Erwacht bin ich, als ich sie küsste.
Wie gesagt, ich bin ein sehr schlechter Träumer, weil mir die Übung fehlt. Ich versuchte gleich wieder einzuschlafen um bei ihr zu sein. Ich versuchte gleich wieder einzuschlafen, weil ich wissen wollte, wie mein Traum zu Ende geht.
Vielleicht war er auch zu Ende.
Ich weiß es nicht.
Wie gesagt, ich bin ein sehr schlechter Träumer.

Warum?

Wie Sie Sich vielleicht erinnern können, habe ich die gewagte These
aufgestellt, dass der Mensch eine sehr seltsame Spezies ist. So weit, so gut.
Einer der Hauptgründe, warum ich so darüber denke, hat mit seiner
Motivation zu tun.
Ein Mensch tut manchmal Dinge, die für Ihn „okay“ sind.
Und es gibt andere Menschen, die diese Dinge verurteilen.
Die Gründe, die ein Mensch für seine Tat angibt, sind in den Augen anderer oft fadenscheinig, wirken vorgeschoben oder sind für andere Menschen schlicht und ergreifend eine vollkommen falsche Motivation.
Sie kennen die Situation, nehme ich an.
Nun, ich möchte hier keine Wertung abgeben. Ich möchte nicht darüber
schreiben, welche Motivationen für mich in Ordnung sind. Ich möchte auch nicht darüber schreiben, weshalb ich die Dinge tue, die ich tue.
Nein, ich habe eine einfache Frage. Wenn man es genau nimmt, stelle ich später noch eine zweite.
Warum nehmen sich Menschen das Recht heraus, die Beweggründe, die
Motivationen eines anderen Menschen zu analysieren und in Frage zu
stellen? Warum unterstellen wir ihm „falsche“ Motivationen? Warum
akzeptieren wir nicht, wenn er Dinge tut, die für ihn „okay“ sind?
Warum?
Und die andere Frage.
Warum ist dies hier eine „Ode an die Liebe“?
Ich weiß es.

Emotional angeschlagen

Manchmal lassen einen Menschen absolute Kleinigkeiten emotional sehr
angeschlagen zurück.
Mir ist gerade so eine „Kleinigkeit“ widerfahren. Ich möchte nicht näher darauf eingehen, was passiert ist. Es ist zu persönlich, um es einem einfachen Blatt Papier anzuvertrauen.
„Warum diese Zurückhaltung?“ werden Viele fragen. Und sie haben Recht.
Normalerweise nehme ich kein Blatt vor den Mund, das stimmt. Besonders nicht wenn ich schreibe.
Dieses eine Mal schon. Ich bin mir selbst noch nicht recht sicher, was eben geschehen ist. Später vielleicht. Dann werde ich es vielleicht wissen.
Doch trotzdem sitze ich hier, und schreibe diese Zeilen. Auch wenn ich noch nichts zu sagen habe. Etwas zwingt mich dazu. Und wenn es nur der Wunsch ist, mir in Erinnerung zu behalten, das ich noch etwas fühle.
Manchmal lassen einen Menschen absolute Kleinigkeiten emotional
sehr angeschlagen zurück.

Manchmal muss ein Mensch einfach funktionieren

Manchmal muss ein Mensch einfach funktionieren.
Funktionieren wie ein Uhrwerk.
Wie ein Schweizer Uhrwerk.
Oder wie eine Maschine.
Eine gut geölte Maschine.
Ich möchte im Bett liegen bleiben.
Liegen bleiben und weinen.
Bittere Tränen weinen.
Oder schlafen.
Einen traumlosen Schlaf schlafen.
Manchmal muss ein Mensch einfach funktionieren.
Funktionieren wie ein Uhrwerk.
Wie ein Schweizer Uhrwerk.
Oder wie eine Maschine.
Eine gut geölte Maschine.
Die Musik ändert sich.
Ändert sich im Laufe der Zeiten.
Sonst ändert sich nichts.
Ein fahler Mond steht am Himmel.
Fahl, weiß, rund, kalt. Einsam.
Manchmal muss ein Mensch einfach funktionieren.
Funktionieren wie ein Uhrwerk.
Wie ein Schweizer Uhrwerk.
Oder wie eine Maschine.
Eine gut geölte Maschine.
Auf der Suche nach einem

Gespräch

Kennen Sie das? Sie sind auf der Suche nach einem Gespräch und finden es einfach nicht? Sie suchen zwischen all den Stapeln verbrauchter menschlicher Erfahrung, wühlen in den Schubladen der Erinnerungen Fremder, wischen sogar ein paar Spinnenweben aus den Ecken des Speichers des langsamen Vergessens und finden doch nichts?
Hohle Phrasen, ja.
Alte Sprichwörter, natürlich.
Stammtischparolen, immer wieder.
Worthülsen. Nicht mehr, aber natürlich auch nicht weniger. Doch wem hilft denn so was? Wird ein Wort denn nicht erst durch seinen Inhalt wertvoll? Ist Reden denn tatsächlich immer Silber oder in manchen – vielleicht auch in häufigen – Fällen einfach nur Blech?
Ein gutes Gespräch kann Linderung bedeuten. Kann Schatten vertreiben.
Hilft über die Nacht. Manche Nächte dauern länger als einen einzelnen
Mondlauf. Metaphorisch zumindest. Ich bin oft auf der Suche nach einem guten Gespräch. Aber…
Manchmal ertappe ich mich selbst dabei. Beim dreschen hohler Phrasen,
alter Sprichwörter und unhaltbaren Stammtischparolen. Oft nur als Notlösung, wenn meine eigene Suche erfolglos war. Wenn der Schein der Taschenlampe nicht das Erhoffte ans Licht bringen konnte. Wenn die
Linderung ausbleibt. Dann bin ich selten bereit, jemand anderem auf seiner Suche zu helfen. Bin gefangen darin, vielleicht doch noch wenigstens einen Hinweis auf das Gespräch zu finden, das ich eigentlich suchte. Dann wird es auch mir egal, ob Schweigen Gold und Reden nur Blech bedeutet.
So, Sie denken, Sie würden es anders machen, nicht wahr?
Denken Sie darüber nach.

Fragen?

Man sagt, ein Sonnenaufgang wäre die Geburt eines neuen Tages. Aber – was ist dann die Abenddämmerung?
Sartre hat gesagt, der sensible Mensch leidet nicht aus diesem oder jenem Grund, sondern weil nichts auf der Welt seine Sehnsucht zu stillen vermag.
Wenn ihn aber nichts glücklich stimmen kann – warum lebt dieser Mensch dann weiter?
Man sagt, der erste Eindruck sei der wichtigste. Warum aber sieht man sich im Leben immer zweimal? Und – vielleicht noch wichtiger – wenn man sich im Leben immer zweimal sieht, warum heißt es dann: aller guten Dinge sind drei?
Victor Berlioz hat gesagt, die Zeit sei ein fabelhafter Lehrer, aber leider tötet sie alle ihre Schüler. Wenn die Konsequenzen so bekannt sind, warum nimmt man überhaupt am Unterricht teil?
Man sagt, man sehe nur mit dem Herzen gut. Wenn man aber mit dem
Herzen sieht, warum sind dann nachts dennoch alle Katzen grau?
Man sagt, die Zeit heile alle Wunden. Wenn das wahr ist, woher stammen dann die vielen Narben?
Du hast gesagt, Du wärst immer für mich da.
Warum hast Du mich belogen?

Am Strudel

Der Urlaub meiner Gedanken beginnt – wie eigentlich immer – in Italien.
Wärme, Sonne, frische Luft, ein Hauch von Toskana. Eine alte Burgruine
thront selbstvergessen in den Morgennebeln. Vögel begrüßen die Sonne wie seit Alters her.
Gerne würde ich ein paar Tage verweilen. Es gibt Zeiten, in denen ich das schaffe. Doch früher oder später treiben mich die Kleinigkeiten gen Norden.
Es ist eine Unachtsamkeit, die meine Wanderung in Gang setzt. Später ist es die Summe jener kleinen Dinge, die meine Schritte vorantreiben. Mit jedem Schritt wird es kälter.
Das Ziel dieses einsamen Weges ist mir längst bekannt. Es ist immer mein Ziel, auch wenn ich nicht möchte. Norwegen. An der Nordwestküste Norwegens liegt der Mahlstrom, der größte natürliche Strudel, den die Menschen kennen. Ich stehe an der Klippe und starre hinab.
Es ist eine jener weiteren Kleinigkeiten, die mich über die Klippe stößt. Es ist wie jedes mal. Traumfetzen, Gesichter, Melodien, Schriftstücke – all die in dunklen Niederungen meiner Gedanken eingegrabenen Erinnerungen brechen sich Bahn und treiben um mich herum dem Abgrund des Mahlstroms entgegen.
Ich halte die Luft an. Bald haben meine Gedanken wieder Urlaub. Dieser
Moment zählt. Jener frische Morgen in der Toskana. Ich freue mich schon.

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