Augenblicke

Spuren im Sand

Gezeiten.
Nichts verändert so sehr wie die Gezeiten.
Sicher, eine Welle genügt schon, um die letzten flüchtigen Eindrücke zu verwischen.
Wenn das Meer sich aber für kurze Zeit das genommen hat, was ihm einst gehörte und wohl bald auch wieder gehört, wenn diese kurze Zeit des ursprünglichen Zustandes wieder in seine abartige Unnatürlichkeit die wir Realität nennen zurückfällt, wenn also die Ebbe eintritt, dann hinterlässt das Meer glücklicherweise keine Spuren.
Am Strand meiner Erinnerungen ist es einsam. Ich stehe bis zu den Knöcheln in feinen, weißen Sand versunken und starre auf die Unendlichkeit, wobei mir bewusst ist, das diese Unendlichkeit durchaus ein Ende kennt. Nur der kleine Horizont des menschlichen Geistes vermag es, aus einer gewissen Masse blauen Wassers eine Unendlichkeit zu formen, die wohl sonst nur mit Mathematik oder dem Universum vergleichbar wäre. Aber ich schweife ab.
Eben jener – noch so beschränkte – menschliche Geist enthält also den Strand meiner Erinnerungen, jenen einsamen Strand, an dessen Gestaden ich regungslos auf die eingebildete Unendlichkeit starre und mich geistesabwesend über körnigen Sand zwischen meinen Zehen ärgere. Hinter mir sind deutlich die Spuren im Sand zu erkennen, nicht nur meine eigenen, auch andere. Manche begleiten mich ein Stück ehe sie sich in eine andere Richtung wenden, andere kreuzen meinen Weg, wieder andere hören plötzlich auf zu existieren, so, als ob ihren Besitzern und Hinterlassern Flügel gewachsen wären und sie Ikarus gleich der Sonne entgegenstrebten. Kein Laut erreicht mein Ohr, kein Geruch fordert meinen olfaktorischen Sinn, meine Finger sind taub von der klammen Kälte, die der Wind vom Meer zu mir herüberweht. Jetzt, da ich das Ufer erreicht habe ist niemand mehr bei mir, endlich bin ich allein, habe endlich die ersehnte Einsamkeit gefunden. Wasser beginnt spielend meine Füße zu umrunden, die jüngsten Spuren hinter mir auslöschend. Ich wandere an der glatten Uferlinie entlang und sehe zu, wie die kleinen Wellen meine Fußspuren im Sand wieder glattspülen, so wie ein Gärtner die Erde, die spielende Kinder zerfurcht haben wieder glatt zu harken vermag, jedes Zeugnis ihrer Taten auslöschend. Ich wandere weiter, gemächlich. Eilig habe ich es nicht, ich werde hier ohnehin nicht mehr weggehen. Niemand ist bei mir, ich bin niemandem die Rechenschaft schuldig, die ich zu den Zeiten, die die Menschen als natürlich empfinden schuldig wäre.
Am Strand meiner Erinnerung ist es einsam, und ich genieße, wie das aufsteigende Wasser einige der anderen Spuren erreicht und gnädig in eine glatte, sandig-matschige Fläche verwandelt, die nicht einmal erahnen lässt, wer dort stand, mich begleitete, mich verließ. Der Zentralcomputer wird resetet, die Festplatte endlich formatiert, die gespeicherten Dateien endlich…
„Was machst Du da?“
Unvermittelt stand sie hinter ihm. Er schlug das Buch zu.
„Ach, nichts.“
„Kommst Du schlafen?“ Sie gähnte herzhaft.
Auch er gähnte. „Ja.“

Am Feuer

In den wenigen Momenten, die Ihnen blieben, um gemeinsam am Feuer zu sitzen, eine warme Mahlzeit einzunehmen und sich endlich einmal wieder wie früher in die Augen zu schauen, blickten sie zurück auf das Vergangene um das soeben erlebte noch einmal mit den Augen des anderen zu sehen und so die eigenen Sinneseindrücke um eine neue, aufregende Variation zu erweitern. Mit der Zeit, es mag Tage, Wochen, Monate oder Jahre gedauert haben, keiner der Beiden vermag es zu datieren, wurden diese Momente seltener, immer seltener, bis
schließlich und endlich der Tag kam, an dem sie lernen mussten, mit den eigenen Augen jeweils auch aus der Sicht des Anderen zu sehen. Seitdem sitzen Sie jeden Abend am Feuer und schauen sich wie früher in die Augen.

Wintermorgen

An einem kalten, klaren Wintermorgen dringt Ihr Lachen zu mir herüber. Ich kann aus dem eisigen Glanz Ihrer Augen lesen, wie sehr sie mich vermisst hat.

Tauwetter.

Diese dunklen, tiefen Augen, die mich stets voll Verachtung betrachteten. Diese harten und unerbittlichen Augen. „Nie“, schienen sie sagen, „nein“ spuckten sie mir voller Abscheu ins Gesicht.

Es wird Frühling.

Wie wunderbar losgelöst ihr Blick jetzt ist. Wie begehrenswert schön ihre Pupillen ins Leere starren, jetzt, wo alle Sorgen dieser Welt endlich von ihr abgefallen sind. Wie sanft mich der Hauch ihrer Dankbarkeit berührt.

Sonnenstrahlen.

Ganz sanft wiegt sich ihr Kopf auf ihrem schlanken Hals. Ich halte ihren Nacken in meiner Hand. Weiß wie Schwanengefieder ist ihre Haut und samt wie Seide ihr Haar. Ich schließe ihre Lider, da ich mich sonst von ihrem Blick nicht abwenden könnte.

Sturzbach.

Ihr Lachen sitzt tief in mir und fordert mich immer noch heraus. Ich kann nicht anders. Wieder erdrücke ich sie mit meinem
Schmerz. Immer und immer wieder. Schweigen soll sie. Sie soll endlich schweigen. Sie soll nicht mehr lachen. Nicht über mich. Es muss ein Ende haben.

Lawine.

Ihr Blick geht ins Leere, vorbei an den flackernden Lichtern der blauen Signalleuchten. Ein unheimliches Licht fällt auf ihre glatte Stirn. Ich lasse ab, endlich befreit.

Ich bin bereit.

Eine Geschichte, die ich lieber nicht kennen würde

Ich hatte gerade an einer Ampel eine Begegnung mit einer Geschichte, die ich lieber nicht kennen würde.
Ich fahre auf die Ampel zu. Grün. Selbstverständlich. Um diese Zeit ist niemand mehr unterwegs und die Ampeln in meinem Ort sind entweder auf Bewegungsmelder oder ganz aus gestellt. Ich komme oft zu diesen Zeiten nach Hause, doch das ist eine andere Geschichte.
Grün also, und ich gebe Gas. Doch noch bevor ich den ersten weißen Pfeil der Linksabbiegerspur – der eben jene als solche kennzeichnet – erreiche, springt die Ampel auf Gelb. Verdammt, irgendwer muß von links kommen und den Bewegungsmelder ausgelöst haben. Das kostet mich mindestens eine halbe Minute. Verärgert bremse ich und sehe der heiligen Verkehrsregelung dabei zu, wie sie nach genüsslichen zwei Sekunden den hochroten Kopf aus dem Fenster streckt und einen stummen Haltebefehl geradezu herausbrüllt. Dann sehe ich die Geschichte links von mir stehen.
Ein Notarztwagen, dahinter ein Krankenwagen. Kein Blaulicht, kein Martinshorn. Sie haben gewartet. Scheinbar nichts dringendes. Vielleicht nichts dringendes mehr…? Während das Verkehrslicht ihnen das grüne Signal der Weiterfahrt gibt, blitzen in meinem Kopf kurz Bilder von zerbeulten Motorhauben, gequetschten Gliedmaßen, schreienden Menschen, beißendem Qualm auf. Quälende Sekunden – die Sekunden in denen die morbide Karawane an mir vorübergleitet – halten sich diese Bilder in meinem Kopf. Ich starre in den Rückspiegel und sehe die Rückfahrlichter des Krankenwagens langsam kleiner werden.
Hier in meinem Rückspiegel verschwindet eine Geschichte, die ich lieber nicht kennen würde.
Ich seufze.
Grün.
Endlich.

Augenblicke

Es ist einer dieser Augenblicke, in denen ich an Nichts anderes denken kann als an Dich und Deine Augenblicke und Deine Augen und Deine Blicke und die Blicke Deiner Augen.

Weiss tuenchen

Im Vorbeifahren erhasche ich den Blick aus ihren mürrischen Augen. Warum starrt sie mich so böse an? Sie steht vor ihrem weiß getünchten, wahlweise Vorstadt- und/oder Scheckheft-gepflegtem Einfamilien-Häuschen mit präzise geschnittenem Rasen und starrt mich böse an, die Mundwinkel nach unten gezogen, die Augen dunkel. „Sie sieht gar nicht aus wie ihr Häuschen“ schießt es mir durch den Kopf. Ich weiß immer noch nicht, womit ich ihre Missachtung erregte. Aber mir wird
bewusst, das man viele Dinge einfach nicht weiß tünchen kann.

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